Sven
Pauling im Gespräch mit Anna-Luise Rehm
(00:08) Inklusionsfragen. Der Podcast des
Zentrums für Inklusionsforschung Berlin, herausgegeben von Christian
Brüggemann, Caroline Junge und Matthias Olk. Am offenen Herzen operieren
Ungewissheit und ihre Überwindung in der inklusiven Schulentwicklung. Was heißt
es für Lehrkräfte, eine neue inklusive pädagogische Praxis zu vollziehen und
diese zugleich im Rahmen von Schulentwicklung erst hervorbringen zu müssen? Mit
dieser Frage hat sich Sven Pauling von der Universität Oldenburg in seiner
Dissertationsarbeit beschäftigt. Er betrachtet dabei den Schulversuch Primus in
NRW, der eine Vielzahl innovativer pädagogischer Arrangements in sich vereint.
Die Primusschulen sind nicht nur inklusiv, sondern auch jahrgangsgemischt,
umfassen die Jahrgänge 1 bis 10 und verwenden alternative Formen der
Leistungsbewertung. Ungewissheit entsteht im Kontext einer entsprechenden
Schulentwicklung, weil nicht nur pädagogisch spannungsreiche Situationen eines
konsistenten Verständnisses von Lehrkräften bedürfen, sondern weil ein Handeln
angesichts solcher Situationen auch zwischen den Lehrkräften abgestimmt sein
muss. In der inklusiven Langformschule wird dies insbesondere entlang
unterschiedlicher Deutungsmuster von Primar und Sekundarschulkolleg*innen zu
Leistung und Wohlbefinden von Schüler*innen bedeutsam. Aus einer struktur- und
schulkulturtheoretischen Perspektive argumentiert Pauling, dass hierbei ein
Konsens kaum möglich, aber auch nicht unbedingt notwendig ist. Wir hören ihn im
Gespräch mit Anna Luise Rehm.
Anna-Luise
Rehm:
(02:00) Hallo, ich bin Anna-Luise Rehm. Ich
bin heute im Gespräch mit Sven Pauling. Sven Pauling und ich sind beide an der
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg tätig, dort im Arbeitsbereich für
Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik. Ich spreche heute mit Sven über seine
gerade abgegebene Dissertationsschrift mit dem Titel Ungewissheit und
Konvergenz in der Schulentwicklung. Eine Deutungsmusteranalyse an
Primusschulen. Sven was war eigentlich Inhalt und Gegenstand deiner Arbeit?
Sven
Pauling:
(02:33)
Hallo Anna, ich freue mich erstmal, dass ich hier zum Podcast etwas beitragen
kann aus meiner Arbeit. Was ist der Gegenstand meiner Arbeit? Ich fange
vielleicht mal an zu erzählen, wie ich so ein bisschen dem auf die Spur
gekommen bin. Und zwar war ich in der Begleitforschung des Schulversuchs Primus
tätig und habe da Gruppendiskussionen geführt mit Lehrkräften. Und am Rande
einer Gruppendiskussion sagte eine Lehrkraft so im Nachgang wenn das Mikro dann
ausgeht, kommen die interessanten Sätze. Sie sagt: Naja, eigentlich heißt das
hier für uns, dass wir uns selbstständig am offenen Herzen operieren müssen.
Und das fand ich eine total spannende Metapher. Dann kam für mich die Frage,
Was meint die denn eigentlich damit? Und habe überlegt, OK, irgendwie geht es
darum, dass es den Herzschlag und den Blutkreislauf gibt. Und das ist sozusagen
so ein laufender Rhythmus, eine Routine vielleicht pädagogischer Praxis, weil
es ja Metapher für Pädagogik ist und zugleich handeln die an dieser Praxis und
verändern diese Praxis. Das erzeugt eine ganz große Komplexität, hatte ich das
Gefühl. Es ist eine sehr polyvalente Metapher, die man sehr unterschiedlich
oder sehr vielfältig deuten kann. Und das war für mich eigentlich so eine
Initialzündung, aus der heraus dann mehr oder weniger eigentlich auch meine Forschungsfrage
entstanden ist und die ist: Was heißt es denn eigentlich für Lehrkräfte, eine
für sie selbst, ich sage jetzt mal berufsbiografisch neue Pädagogik zu
betreiben und die aber zugleich eben auch im Zuge von Schulentwicklung neu
hervorbringen zu müssen. Mit der Frage bin ich eigentlich in meine Forschung
eingestiegen oder die hat sich sozusagen im Zuge meiner Forschung immer weiter
so herauskristallisiert. Und also damit geht es sozusagen um diese
Primusschulen einerseits um die Schulentwicklung, aber eben ist in dieser Frage
nach der gängigen pädagogischen Praxis und nach dem Verändern dieser Praxis
sind dann eben auch schon zwei Felder, nämlich das pädagogische Handeln und das
Schulentwicklungshandeln eigentlich angesprochen.
Anna-Luise
Rehm:
(04:39) Könntest du vielleicht noch mal kurz
umreißen, was Primusschulen sind?
Sven
Pauling:
(04:43) Primusschulen, das ist ein
Schulversuch, der vor jetzt etwa 10 Jahren in Nordrhein-Westfalen implementiert
worden ist. Durch das Ministerium für Schule und Bildung. Und die Primusschulen
umfassen ein Konzept, das auch ministerial vorgegeben ist, das aus 5 Eckpunkten
besteht, nämlich einerseits sollen es Langformschulen sein von der ersten bis
zur 10. Klasse, deswegen heißt das Kind auch Primus, weil Prima und
Sekundarstufe, daher kommt das Akronym in eine Schulform zusammengeführt
werden. Die Schulen sind zweitens inklusive Schulen, deswegen auch sozusagen
der Zusammenhang jetzt hier mit dem Inklusionspodcast. Alle Schulen betreiben
jahrgangsgemischte Lerngruppen und deswegen dann auch individualisiertes
Lernen, was sich daran anschließt, weil es Schulen sind, die ja die Primarstufe
und alle Sekundarstufen und mit der Inklusion eben auch die Sonderschulen
umfassen, arbeiten dann auch die Lehrkräfte aller dieser unterschiedlichen
Schulformen in multiprofessionellen Teams, dann auch gemeinsam mit Erzieher*innen
und so weiter. Und fünftens betreiben alle Schulen, sind fünf Schulen
entstanden. In diesem Rahmen betreiben alle fünf Schulen alternative Formen der
Leistungsbewertung bis einschließlich Klasse 8. Danach gibt es dann auch Noten,
aber sie greifen dann auf sowas wie Lernentwicklungsberichte beispielsweise
zurück.
Anna-Luise
Rehm:
(06:03) Ja, danke. Was wissen wir denn
eigentlich über das Thema Bedeutung, Sinngebung oder wie es bei dir in der
Arbeit heißt, Deutungsmuster von Lehrkräften in Schulentwicklungsprozessen?
Sven
Pauling:
(06:15) Ja, also das wird natürlich relevant,
dieser Forschungsdiskurs, weil es in meiner Frage eben auch um die Frage nach
Bedeutung für Lehrkräfte geht. Und es gibt also diese Landschaft zur
Schulentwicklung ist natürlich ein sehr weites Forschungsfeld. Auch die
Forschung zu, ich sag mal, Deutungshorizonten oder Sinngebung von Lehrkräften
in der Schulentwicklung ist auch ein weites Feld. Und ich habe das dann
sozusagen in zwei Stufen bearbeitet. Ich sage, es gibt sozusagen einen
allgemeinen Diskurs und da gibt es natürlich die großen Autoren und Autorinnen,
wie zum Beispiel Helmut Fendt, der sagt, es gibt die Rekontextualisierung. Das
heißt, wenn ein Reformimpuls, Veränderungsimpuls aus einer der verschiedenen
Ebenen des Schulsystems ausgeht in eine andere, er Denkt das meistens top down,
dann wird das nicht 1 zu 1 übernommen, sondern es wird sozusagen an die eigenen
Sinnhorizonte auf der nächstunteren Ebene bei ihm an und eingepasst. Das ist
das, was der unter Rekontextualisierung versteht. Es gibt auch andere Konzepte,
zum Beispiel wird gerne aus dem englischsprachigen Raum Rogers übernommen, der
sagt, es gibt Change Agents, also Lehrkräfte, die sozusagen ganz stark an
Veränderungen arbeiten und engagiert sind. Es gibt die Early Adopters, die
schnell nachziehen und sich alliieren können oder auch Late Adopters, die das
weniger schnell können und so weiter. Also es ist ein großes Forschungsfeld und
es gibt aber dann, wenn man es ein bisschen versucht einzugrenzen, ich arbeite
ja qualitativ auch schon eine Reihe von qualitativen Studien, die sich
beschäftigen mit der Frage, was eigentlich die Konfrontation mit
Schulentwicklung für Lehrkräfte bedeutet. Ich habe jetzt mal mit Gudrun
Schönknecht angefangen, innovative Lehrerin, Petra Herzmann, Hedda Bennewitz,
Doris Wittek, Daniel Goldmann im Bereich der Inklusion, jetzt jüngst auch
Angelika Bengel zu inklusiver Schulentwicklung. Was mir bei der Durchsicht
dieser Arbeiten aufgefallen ist, ist, dass die eben dann in ihrer eigenen
Begrifflichkeit, was ich dann Deutungsmuster nenne, über Sinngebungen sprechen,
dass die aber vor allen Dingen die Sinngebungen des Wandels thematisieren und
nicht den Wandel von Sinngebungen. Und ich würde eben sagen, das ist ein
relativ bedeutsamer Teil. Es wird in der professionstheoretischen Literatur
immer wieder betont, dass Schulentwicklungsprozesse einen ganz starken
Anregungscharakter für Professionalisierung und dann ja eben auch für
Veränderungen haben können. In all diesen Studien wird aber eigentlich nur
aufgezeigt, wie Lehrkräfte das verstehen, was sie da ändern wollen oder auch
wie sie diese Veränderungsprozesse verstehen. Also zum Beispiel die Hedda
Bennewitz fragt sich, wie die Lehrkräfte die Transformation des Schulwesens in Sachsen-Anhalt
betrachten. Die sind jetzt dann Deutungsmuster der Reform. Genau, aber die
Frage, wie sich die Deutungsmuster selbst ändern, wird nicht verhandelt. Oder
ein ganz kleines bisschen vielleicht bei Petra Herzmann. Und auch ist mir
aufgefallen, dass das Verhältnis von Sinngebung zueinander auch nicht
thematisiert wird. Also wie ist die Relationalität? Nehmen die möglicherweise
aufeinander Bezug oder stehen die eher für sich? Und das sind sozusagen diese
beiden Punkte. Die Veränderung von Sinngebung oder von Deutung und deren
Relationalität sind sozusagen zwei Ergänzungen, die ich auch zum Diskurs zu
Sinngebungen in Schulentwicklungsprozessen beitragen möchte, in meiner Arbeit.
Anna-Luise
Rehm:
(09:41) Jetzt haben wir schon so einiges über
deine Arbeit erfahren. Du sprachst bereits davon, dass du an diesen
Primusschulen geforscht hast. Wie bist du bei deiner Forschung denn
vorgegangen?
Sven
Pauling:
(09:51) Ja, ich war im Prinzip involviert in
die Begleitforschung und die hat mich an diesen Schulversuch herangeführt. Aber
der ist sozusagen auch als Feld besonders interessant und das kann man ganz gut
herleiten aus der Arbeit von der Heda Bennewitz, die herausfinden kann, dass
sogar Lehrkräfte, die sich mit Reforminhalten identifizieren können, der Reform
gegenüber trotzdem kritisch sein können, weil sie sie als Top-Down Reform, als
Oktroy von oben wahrnehmen und deswegen trotzdem ihre Routinen
aufrechterhalten, die durch die Reform gerade nicht verändert werden. Das
Besondere an Primus ist eben, dass das eine Reform Governance beinhaltet, die
als Angebotsstruktur daherkommt. Das heißt, es können sich Schulen gründen und
damit eben anschließt an Gründungsinitiativen, die möglicherweise lokal sowieso
schon existieren, wo dann eben auch bestimmte Lehrkräfte mit dabei sind. Das
heißt, wir haben in Primus eigentlich eine sehr günstige Governance
Konstellation dafür, dass sich Lehrkräfte auch einlassen können auf die Reform,
die da dann eben über sie kommt und dass damit eben auch ein besonderes
Veränderungspotenzial von Sinngebungen möglicherweise gegeben ist, weil die
eben dann da reingehen. Und ja, ich könnte mir das schon mal vorstellen, mal zu
gucken, was hier so passiert und ich bin auch bereit, mich vielleicht zu
verändern. Und ich habe dann im Kontext der Begleitforschung die Grounded
Theory sagt nosing around gemacht. Also ich habe Gruppendiskussionen sowieso
geführt im Projektrahmen, ich habe mir die ministerialen Papiere zur Gründung
durchgelesen und die Gründungskonzepte der Schulen selbst und habe dann 29
schwach standardisierte Interviews mit Lehrkräften an allen fünf entstandenen
Primusschulen geführt, die sich vor allen Dingen auf ihre Arbeit an den
Primusschulen beziehen. Und ich habe dann ausgewertet mit einer Kombination aus
der Grounded Theory, die ein sehr aus formuliertes Methodenrepertoire verfügt
und auch das habe ich da sehr geschätzt über eine sehr ausdifferenzierte
selbstreflexive Diskussion eben auch zu der Frage des Verhältnisses von Theorie
und Empirie. Und ich habe dann die Grounded Theory, die ja sozialtheoretisch
sehr flexibel ist und man könnte jetzt kritisch sagen auch wenig angefüllt,
ergänzt um diesen Deutungsmusteransatz, mit dem ich dann auch das
Codierparadigma nochmal für mich neu reformuliert habe, auch um ein
transformationssensibleres Forschungsinstrument zu haben und auch eines, das machttheoretisch
erweitert ist. Beim Deutungsmusteransatz für diejenigen, die es nicht kennen,
geht man im Prinzip davon aus, dass es Bezugsprobleme gibt, auf die die Akteure
sich beziehen und dass sie das tun, sich das sich beziehen auf diese
Bezugsprobleme, indem sie sie deuten. Und ein Deutungsmuster ist dann eben ein
Komplex von Deutungen, die sinnlogisch zusammenhängen und zugleich die
intersubjektiv identifizierbar sind. Das heißt, im queranalytischen Blick durch
meine Interviews durchgegangen Und das Bezugsproblem habe ich jetzt im
Anschluss an die pädagogische Strukturtheorie quasi entworfen als so
dialektische Handlungsprobleme. Das eine gilt, das andere gilt auch. Und
irgendwie muss man sich aus diesem auf diesem Kontinuum orientieren. Und das tun
eben die Lehrkräfte, indem sie Deutungsmuster haben, die ein bestimmtes Handeln
gegenüber einem auch anders möglichen legitimieren. Ähnlich wie in der
Systemtheorie zum Beispiel die Kausalpläne, die Luhmann erwähnt.
Anna-Luise
Rehm:
(13:33) Könntest du uns da aus deiner Arbeit
ein paar Einblicke geben? Was ist denn so ein Bezugsproblem und was ist so ein
mögliches Deutungsmuster, die jetzt bei dir hervorkommen?
Sven
Pauling:
(13:42) Ja, also ich unterscheide dann in
Bezugsprobleme des pädagogischen Handelns und Bezugsprobleme des
Schulentwicklungshandels und begreife das als zwei unterschiedliche
professionelle Handlungsfelder. Da gehe ich auch ein Stück weit über die
Strukturtheorie hinaus, die sich ja im Prinzip erstmal nur mit dem
pädagogischen Handeln beschäftigt. Und für das pädagogische Handeln hat sich in
meinen Daten zum Beispiel das Bezugsproblem Wohlbefinden und Leistung aufgetan.
Es gibt Lehrkräfte, die beziehen sich in ihrer pädagogischen Arbeit stärker auf
das Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern. Deutungsmuster, das ich dazu
herausgearbeitet habe, nenne ich kompensierend beschützen. Also die sagen, es
gibt eben einen Leistungshorizont im Schulwesen, der ist kritisch und kann
verletzend sein für Schülerinnen und Schüler, den muss ich kompensieren. Ich
muss die Schülerinnen und Schüler als ganze Person schützen davor. Und es gibt
aber auch Lehrkräfte, die Nein, ich muss konfrontierend unterstützen. Ich muss
die Schülerinnen und Schüler auch konfrontieren mit diesem Leistungshorizont.
Ich unterstütze sie, indem ich das tue und mache sie damit sozusagen lernfähig
auch in Zukunft. Man könnte jetzt noch sagen, für den Bereich des
Schulentwicklungshandelns wäre so ein Beispiel die Frage nach der
professionellen Autonomie. Jede Lehrkraft handelt natürlich im Umgang mit der
Lerngruppe irgendwann auch ein bisschen anders und zugleich im Zuge von
Schulentwicklung sind ja aber Lehrkräfte auch aufeinander verwiesen und
Schulentwicklung ist ja nur als solche verstehbar, wenn es auch
Verbindlichkeiten gibt. Deswegen nenne ich das Bezugsproblem Autonomie versus
Verbindlichkeit. Und da habe ich dann auch wieder Deutungsmuster für
entwickelt, wo man sehen kann, dass die Lehrkräfte sich eben in
unterschiedlicher Balance zwischen diesen beiden Polen Autonomie und
Verbindlichkeit bewegen.
Anna-Luise
Rehm:
(15:25) Ja, jetzt hast du ja erzählt, dass du
den Deutungsmusteransatz quasi als so ein Sensitizing Konzept heranziehst und
mit den Begriffen Professionalität oder Professionalisierung und pädagogisches
Handeln einerseits und Schulentwicklung andererseits greifst du ja auch
gegenstandstheoretisch aufgeladene Vokabeln auf. Wo knüpfst du denn da an?
Sven
Pauling:
(15:46) Ja, das sind ja beides Begriffe, die
auch in meiner Fragestellung schon auftauchen nach dem pädagogischen Handeln
und dann, wie sozusagen dieses in der Schulentwicklung eben auch hervorgebracht
wird. Und ich beziehe mich, das hat man jetzt vielleicht auch schon so ein
bisschen raushören können, was das pädagogische Handeln angeht, auf die
Strukturtheorie. Also das, was bei mir hier sozusagen diese dialektischen
Bezugsprobleme sind, kann man sehr leicht mit den helsperschen Antinomien eigentlich
identifizieren. Ich würde sagen, das, was ich da aus den Daten heraus
rekonstruiert habe, könnte man als empirische Flexion eigentlich dieser
Antinomien begreifen und die lassen sich dann auch relativ einfach übersetzen
in den Helsperschen Entwurf. Also wenn man jetzt von Wohlbefinden und Leistung
ausgeht, dann könnte man von Nähe und Distanz zum Beispiel sprechen, von der
ganzen Person und der Rolle, die da eingenommen wird im Rahmen der Schule. Ich
würde aber auch sagen, das sind dann sozusagen nochmal empirische Reflexionen. Das
ist aber weniger der innovative Teil der Arbeit, weil es sich eben dann auch
eng anschließt an die Strukturtheorie. Was die Strukturtheorie bislang nicht
beinhaltet, ist eben jetzt Antinomien oder bei mir Bezugsprobleme des
Schulentwicklungshandelns. Dafür gibt es sozusagen noch keine systematisierte
Sprache oder kein systematisiertes Konzept und das ist etwas, was ich dann dem
Diskurs auch anbieten würde. Insofern taucht dann Schulentwicklung im Horizont
der Strukturtheorie bei mir auf eine bestimmte Art und Weise auf. Und zugleich
greife ich auf die Schulkulturtheorie auch in Anlehnung an die Hallenser jetzt
zurück, aber nicht so ganz unmittelbar, weil ich diese beiden
Gegenstandstheorien auch von dem Blickwinkel der Deutungsmuster ausdenke. Und
für mich ist dann die Schulkultur quasi die Konstellation aller dieser
Deutungsmuster, die ich rekonstruieren kann. Also sowohl dann Deutungsmuster,
die sich auf pädagogisches als auch auf Schulentwicklungshandeln beziehen. Und
das Gesamt aller dieser Deutungsmuster, die ich rekonstruiere, würde ich dann
als eine Kontur von Schulkultur begreifen und zugleich auch dann als jeweils
handlungsleitend für das jeweils stattfindende professionelle pädagogische
Handeln, also die pädagogische Interaktion. Und das ist auch genau der Punkt, bei
dem ich sozusagen von diesem Blickwinkel des Deutungsmusteransatzes aus die
beiden Gegenstandstheorien miteinander verschweißen kann. Und das ist auch in
der aktuellen Schulentwicklungsforschung immer noch so eine Leerstelle. Also
jetzt im Handbuch der Schulentwicklung, Isabell von Ackeren et al. Eigentlich
brauchen wir immer noch mal Studien, die versuchen, diesen Zusammenhang von
Schulentwicklung Professionalisierung ein bisschen stärker miteinander ins Spiel
zu bringen. Und den Versuch unternehme ich dann eben auch.
Anna-Luise
Rehm:
(18:27) Im Zuge deiner Forschung haben sich ja
jetzt zwei Begriffe ergeben, mit denen du auch deine Arbeit betitelst. Ich
hatte sie zu Beginn kurz aufgerufen, einmal Ungewissheit und Konvergenz. Was
meinst du denn damit?
Sven
Pauling:
(18:40) Ja, da setze ich dann jetzt im Prinzip
noch mal wieder da an, wo ich gerade war. Ich sagte ja gerade, ich habe
sozusagen diese Bezugsprobleme, die auch bipolar oder dialektisch orientiert
sind. Und wenn ich jetzt mal auf den ersten Begriff der Ungewissheit eingehe, dann
kann man natürlich okay, und das ist eine typisch strukturtheoretische
Argumentation. Schon allein ein antinomisches Bezugsproblem schafft ja
Ungewissheit, weil es zwei legitime Handlungsmöglichkeiten gibt. Und da muss
man sich dann eben orientieren. Schon da entsteht im strukturtheoretischen Paradigma
eigentlich Ungewissheit. Man könnte jetzt sagen, das ist immer noch die
klassische Argumentation, ja, und jetzt kann es ja auch Situationen geben, wo
sich solche pädagogischen Bezugsprobleme bzw. Antinomien überlagern. Das macht
dann die Situation noch komplexer und noch dichter, steigert nochmal die
Ungewissheit und so weiter. Und jetzt würde ich noch einen draufsetzen und ja,
und diese pädagogischen Bezugsprobleme sind dann ja auch noch eingelagert in Schulentwicklungsbezugsprobleme.
Das heißt, wenn die Lehrkräfte darüber sich auseinandersetzen, ob sie jetzt
Wohlbefinden oder Leistung akzentuieren wollen, dann sprechen sie, wenn sie
miteinander darüber verhandeln, immer auch darüber, ob das jetzt vielleicht
jeder für sich autonom entscheiden sollte oder ob sie das nicht verbindlicher
für alle machen sollten. Das heißt, die pädagogischen und die Schulentwicklungsbezugsprobleme
überschneiden sich oder überlagern sich im Prinzip ein Stück weit. Und auch
darin würde ich sagen, sehen wir nochmal eine Steigerung von Ungewissheit in
solchen Schulentwicklungsprozessen. Das wäre ein Argument. Ein weiteres wäre zu
Ja, ich kann jetzt schon auch in meinen Daten, Ich sagte ja, ich entwerfe das
Deutungsmusterkonzept auch als ein transformationssensibles. Mit diesem
Blickwinkel kann ich in meinen Daten auch Veränderungstendenzen erkennen. Und
auch das ist natürlich ein Moment von Ungewissheit, denn es kann ja nicht
vorhergesagt werden, wie sich jetzt die Sinnhorizonte von Lehrkräften in diesem
Rahmen verändern. Das ist nicht technologisierbar. Und ein drittes Argument für
Ungewissheit wäre, dass wir, wenn wir mehrere Deutungsmuster zu einem
Bezugsproblem haben, also ich sagte ja gerade hier die kompensierenden Beschützer
und die konfrontierenden Unterstützer, dass ja dann auch zur Debatte: Wie gut
kommen die eigentlich zusammen? Sind die vielleicht eher konfliktuös oder eher
harmonisch miteinander? Und da können ja potenziell auch entlang von solchen
semantischen Konfliktlinien auch kollegiale Konfliktlinien entstehen. Also das
relationale Verhältnis, die Überschreitung von bisherigen Deutungshorizonten
und die Überlagerung von unterschiedlichen Bezugsproblemen sind für mich die
drei Dimensionen, die eben Ungewissheit in der Schulentwicklung ausmachen. Und
jetzt kann man sagen: OK, Ungewissheit, Ungewissheit, Ungewissheit. Eigentlich
scheint das so bei dir, als wäre Schulentwicklung gar nicht mehr machbar. Ich
freue mich richtig, dass ich das jetzt hier sagen kann, weil das zu schreiben
war mir eigentlich zu heikel. Also Ungewissheit, Ungewissheit, Ungewissheit,
Wie kann die bearbeitet werden? Und da kommt für mich der zweite Begriff ins Spiel,
nämlich die Konvergenz. Ich sage also jetzt in der Übersetzung aus dem Lateinischen
das sich Hinneigen von Deutungsmustern oder von Sinnhorizonten. Und damit stelle
ich: Wie kommen die eigentlich, die Deutungsmuster zu einem Bezugsproblem
miteinander ins Spiel? Wie verhalten die sich eigentlich? Sind die zueinander
eher kritisch, aversiv oder eher affirmativ oder auch ergänzend? Also haben die
eine komplementäre Funktion füreinander. Und da jetzt, wenn ich mal so ein
Beispiel oder das Beispiel wieder aufgreife von Wohlbefinden und Leistung, das
ist ein sehr interessantes Bezugsproblem, weil die beiden Deutungsmuster, die
ich da entwickelt habe, also das kompensierende beschützen und das konfrontierende
unterstützen, das sind die einzigen Deutungsmuster in meiner Studie, die sich
aufeinander kritisch beziehen. Das habe ich bei den anderen Deutungsmustern zu
denselben Bezugsproblemen nicht so herausfinden können wie gerade hier. Und ich
lese das eben auch als einen Hinweis darauf, dass gerade diese Differenz
zwischen Leistung und Wohlbefinden eine ist, die in Primus besonders relevant wird
und auch für die Schulentwicklung dann einen kritischen Punkt ausmacht. Also
hier kann man sehen wir ein kritisches Konvergenzverhältnis. Ganz spannend ist
das andere Beispiel, dieses Bezugsproblem Autonomieverbindlichkeit, ein
Bezugsproblem des Schulentwicklungshandelns. Da habe ich auch zwei
Deutungsmuster. Das eine nenne ich Verbindlichkeit als Handlungsspielraum. Das
sind Lehrkräfte, die sagen: Naja, ich habe bestimmte Vorstellungen
pädagogischer Art und ich kann sozusagen über die Verbindlichkeit, die im
Schulentwicklungsprozess erzeugt werden muss, kann ich meinen eigenen
Handlungsspielraum erweitern, weil ich meine Vorstellungen in die Institution
einschreiben kann und dann nach der Art eben auch handeln kann, wie ich mir das
vorstelle. Auf der anderen Seite habe ich Lehrkräfte, die sagen, ich habe das
Deutungsmuster widerständige Fügsamkeit genannt, die sagen sowas: Naja, ich
kann mich jetzt hier nicht so total mit identifizieren mit dieser pädagogischen
Richtung, aber mir ist das total wichtig, dass wir als Team geschlossen handeln
und deswegen bin ich auch bereit, da mitzugehen und ich bin auch bereit, mal so
ein bisschen zu explorieren, so ein bisschen zu gucken, wie sich das alles hier
so entwickelt. Diese beiden Deutungsmuster bezeichne ich als komplementär, als
ergänzend, weil das eine Deutungsmuster relativ viel Raum greift und das andere
Deutungsmuster diesen Raum aber auch überlässt. Und da würde ich sagen, das ist
für einen Schulentwicklungsprozess sehr wertvoll. Das mag für die Professionalisierungsprozesse
dieser widerständig Fügsamen auch problematisch sein, aber für den
Schulentwicklungsprozess halte ich das für eine sehr produktive, komplementäre
Konstellation und das ist sozusagen dann der nächste Punkt, wo ich sage,
Konvergenz heißt für mich eben die Frage: Wie kommen diese Deutungsmuster
miteinander ins Spiel? Und wenn das eben auf eine produktive, wie im letzteren
Fall komplementäre Art und Weise passiert, würde ich sagen, ist das auch eine
gute Gelingensbedingung für Schulentwicklung. Und das ist eine
Gelingensbedingung, die völlig jenseits dessen liegt, was Theorien für
Schulentwicklung in Anschlag bringen. Also wir wissen irgendwie, es gibt
bestimmte Bedingungen, die können Schulentwicklung unterstützen, wenn man
Steuergruppen einrichtet, wenn man Leitbilder schreibt und so weiter. Und
trotzdem sagt Katharina Maag Merki immer naja, aber eigentlich wissen wir zu
wenig über die Ungewissheitspotenziale. Und da kann ich eben sagen: Die liegen
eben auch in diesen Deutungsmustern begründet und sie sind bearbeitbar über
Konvergenzen von Deutungsmustern.
Anna-Luise
Rehm:
(25:23) Jetzt haben wir ganz viel über
Schulentwicklung und Schulentwicklungshandeln gehört. Du hast ja in deiner
Dissertation quasi auch so ein eigenes Set von Begrifflichkeiten oder in deiner
GT entwickelt und führst sie auf die beiden Begriffe Ungewissheit und
Konvergenz zurück. Was hat das jetzt mit dem Thema Inklusion zu tun?
Sven
Pauling:
(25:44) Ja, also man könnte jetzt sagen, ich
mache gar nicht explizit expressis verbis Inklusionsforschung. Also ich habe
jetzt auch kein Kapitel, wo ich diesen Diskurs aufarbeite, aber ich glaube, ich
kann dem Diskurs ein bisschen was anbieten. Und zwar ist schon allein dieses
Feld, in dem ich forsche, die Primusschule, für die Inklusionspädagogische
Forschung sehr interessant, weil diese fünf Eckpunkte, die ich vorhin genannt
habe, eine Schulform vorzeichnen, die sehr passungsfähig ist zu den normativen
Ansprüchen des inklusionspädagogischen Diskurses. Allein schon die Inklusion
der Schulform, also, dass nicht mehr eben die Trennung Differenzierung von Schüler*innen
nach Schulform stattfindet, sondern dass die alle von der ersten bis zur 10.
Klasse auch eben in einer Schulform miteinander sind. Dadurch fällt natürlich
dann auch die Selektion nach der vierten Klasse fort. Und das bedeutet, dass
eine Statuierung teilweise dann gar nicht notwendig sein muss, wenn sie nicht
ressourcengenerierend ist und damit auch, weil alle Abschlüsse auch am Ende
dieser Schule angeboten vorgehalten werden können, die Bildungsverläufe während
der Schulzeit auf der Primusschule auch unterschiedlich verlaufen können und
die Chance aber, jeden Abschluss zu bekommen, am Ende immer noch gegeben ist.
Insofern ist Primus eine sehr interessante Schulform für den inklusiven
Diskurs. Und das gilt zum Beispiel auch für die jahrgangsübergreifenden
Lerngruppen, wo dann klar Hier ist eine heterogene Schüler*innenschaft in einer
Lerngruppe. Es ist sozusagen nicht mehr diese Suggestion da, wir haben hier
eine jahrgangshomogene Klasse, die müssen auch alle denselben Stand haben. Das
wäre schon völlig absolut in der jahrgangsgemischten Lerngruppe. Und insofern
wird sozusagen Verschiedenheit auch ein bisschen normalisiert bzw. dann
Besonderheit eigentlich dethematisiert in diesen Settings. Und auch insofern
könnte man Es passt gut eigentlich zum inklusionspädagogischen Diskurs.
Interessant ist, wenn man jetzt sich überlegt, das ist ja eine interessante
Schulform und man möchte jetzt solche Schulen vielleicht gründen, dann kann ich
natürlich auch auf welche Hürden man da stoßen könnte. Und ich habe ja jetzt
gerade schon dieses Beispiel gebracht der unterschiedlichen Deutungsmuster zu
Wohlbefinden und Leistung. Und die beiden Deutungsmuster, und das ist ein
interessantes Ergebnis meiner Studie, die koppeln sich auch an die
unterschiedlichen Lehrämter, die eben in der Primusschule vorhanden sind. Ich
sagte ja, da sind die Sonderschulpädagog*innen, da sind Grundschulpädagog*innen,
da sind Hauptrealschul Gymnasialpädagog*innen. Es war jetzt für mich
interessant zu sehen, dass die Lehrkräfte, die zu den kompensierenden
Beschützern gehören, die mehr den Pol des Wohlbefindens akzentuieren, das sind
Lehrkräfte aus der Grundschule und aus der Sonderschule. Und die Lehrkräfte,
die konfrontieren und unterstützen, aus denen ich dieses Deutungsmuster
rekonstruiert habe, das sind eher Lehrkräfte aus der Sekundarstufe 1 oder 2,
die sozusagen dann die Abschlüsse, auch die berufsvorbereitenden Abschlüsse
stärker im Blick haben, die dann eher sich an diesem Pol der Leistung
orientieren. Und das sagte ich ja auch gerade für dieses Deutungsmuster habe
ich wirklich kritische Bezugnahmen, auch für dieses Bezugsproblem der einzelnen
Deutungsmuster aufeinander feststellen können, für die anderen nicht. Das
heißt, ich würde sagen, aus inklusionspädagogischer Sicht, wenn man inklusive Schulentwicklung
auch der Schulformen betreiben möchte, dann wird ein sehr kritischer Punkt eben
diese Ambivalenz von Wohlbefinden und Leistung sein, mit der sich die Kolleg*innen
auseinandersetzen müssen.
Anna-Luise
Rehm:
(29:24) Was sind denn So, die Kernergebnisse
deiner Arbeit. Du hast gerade schon angedeutet, was du für die Frage nach
inklusiver Schulentwicklung anbieten kannst. Was sind jetzt noch weitere
Punkte, die du der Diskussion neu hinzufügen könntest? Könntest du das nochmal
versuchen zu umreißen?
Sven
Pauling:
(29:40) Ja, also das ist einmal, das sprach
ich ja gerade schon an mit dem Verweis Auf die Katharina Maag Merki, die jetzt
auch 2021 wieder geschrieben hat, wir haben eigentlich dieses Phänomen einer
sehr geringen Technologisierbarkeit von Schulentwicklung, obwohl wir eigentlich
die Instrumente und die Befundlage dazu kennen, was die guten Technologien
sind, um Schulentwicklung nachhaltig und produktiv gestalten zu können. Und da
kann ich eben sagen, was sie geringe Technologisierbarkeit nennt, ist bei mir
eben die Kernkategorie der Ungewissheit. Und ich kann sozusagen dann ja mit
diesen Dimensionen von Ungewissheit, der Überschreitung, der Verschränkung und
der Relationalität von Deutungsmustern können wir verstehen, warum es diese
geringe Technologisierbarkeit gibt. Und dann hatten wir gesagt, okay, es gibt
eben diese Reihe von qualitativen Arbeiten, die sich auf Sinnhorizonte
beziehen. Und auch da kann ich dann sagen, ich gucke mir eben nicht nur an,
welche Sinnhorizonte sind eben da, sondern gibt es da Veränderungstendenzen und
auch wie stehen die eigentlich zueinander im Verhältnis? Wie ist ihre
Relationalität zueinander eigentlich ausgestaltet? Mit meinem Konvergenzbegriff
kann ich dann eben sagen, warum Schulentwicklung trotzdem prozessierbar ist und
unter welchen Bedingungen, dass Entwicklungsprodukte Konvergenzverhältnisse von
Deutungsmustern haben. Und letztlich schon in dem theoretischen Gerüst meiner
Arbeit kann ich ja auch sagen, dass ich einen Beitrag leisten kann für das
Verhältnis von Professionalisierung und Schulentwicklung, die ich eben beide
unter dieser sozialtheoretischen Linse des Deutungsmusteransatzes
zusammenschließen kann. Man kann dann immer sagen: Ein Deutungsmuster des
pädagogischen Handelns ist sowohl handlungsleitend für das jeweilige
pädagogische Handeln als auch eben ein Teil dieser Baustein dieser Schulkultur.
Anna-Luise
Rehm:
(31:38) Siehst du auch einen Gewinn für die
schulische Praxis durch deine Forschungsergebnisse?
Sven
Pauling:
(31:43) Es ist ja immer so eine heikle Frage,
inwiefern man so, ich sag mal, eher normativ enthaltsame
sozialwissenschaftliche Ergebnisse in die Praxis überführen kann. Und da wurde
mir im Leitfaden für dieses Interview auch noch mal gesagt, ich solle dann
bitte betonen, dass das nicht linear ist. Nichtlinearität ist natürlich sowieso
ein Kerngegenstand meiner Arbeit, das muss ich auch hier sagen, aber ich finde
es auch für die Praxis sicherlich eben interessant zu wissen, dass ein großes
Konfliktpotenzial bei der Errichtung von inklusiven Langformschulen in dieser
Disparität von Leistung und Wohlbefinden liegt. Mit den Ergebnissen meiner
Arbeit kann man darauf gefasst sein und kann sich überlegen, wie man darauf
reagieren möchte. Und es ist sicherlich auch für die Praxis gut zu wissen, dass
das stark an die Lehrämter und damit an bestimmte Berufskulturen gekoppelt ist.
Und das bedeutet eben, dass wenn jetzt sozusagen persönliche Konflikte darüber
sich entfalten in einer konkreten Einzelschule, dass man vielleicht den
Lehrkräften sagen okay, der Konflikt, der jetzt sich zwischen euch beiden
entfaltet, muss kein persönlicher sein oder ist nicht notwendigerweise
persönlich, sondern der ist sozusagen auf höheren und abstrakteren Ebenen eurer
Berufskultur schon angelegt. Und möglicherweise kann man dann dadurch die
auftretenden Konflikte etwas entpersonalisieren und damit auch ein bisschen
entdramatisieren. Ja, es ist ja immer auch ein sehr emotionales Geschäft, diese
Schulentwicklungsprozesse. Zweitens würde ich sagen, dass steuerungspolitisch
scheint mir gerade weil ich nur eben dieses eine konfliktuöse Bezugsproblem
identifizieren konnte, diese Top down Bottom up Variante als total
entwicklungsförderlich. Also, dass das Ministerium eine Angebotsstruktur
vorhält, dass Entwicklungs- oder dass Gründungsinitiativen sich darauf bewerben
können, dass das eben auch bedeutet, dass auch, ich sag mal, zumindest grob
entwicklungsaffine Lehrkräfte dann in diese Schulen kommen. Das ist eine,
glaube ich, politisch kluge Steuerungsstrategie. Und man könnte auch sagen,
dass Entwicklungsprozesse sich vielleicht an der Frage stärker ausrichten
können, was eben differente Deutungen, auch Produktives oder einander
Ergänzendes eben für die Entwicklung beitragen können. Ich habe das an dem
Beispiel dieser beiden Deutungsmuster Verbindlichkeit als Handlungsspielraum
und widerständige Fügsamkeit gerade deutlich gemacht. Und das ist auch deswegen
ein interessanter Befund, weil es eigentlich auch eine Kritik ist an der Norm
eines schulentwicklerischen Konsens, die man sowohl in der Praxis, aber auch in
der wissenschaftlichen Literatur findet. Immer wieder heißt ja, wir müssen
vielleicht sogar basisdemokratisch einen Konsens zu einem bestimmten Thema
finden. Daniel Goldmann weist in seiner Arbeit sehr schön auf, wie schwierig
dieser Anspruch ist, gerade eben angesichts unterschiedlicher Horizonte. Und
das finden wir auch in inklusionspädagogischen Arbeiten jetzt hier von der
Angelika Bengel zum Beispiel, die auch mit dem Zentrum für Inklusionsforschung
in Kontakt ist. Auch die sagt: Ja, um inklusive Schulentwicklung machen zu
können, brauchen wir einen Konsens der Beteiligten. Und ich würde sagen: Nein,
es reicht, wenn wir oder es kann, Wir haben sowieso mit unterschiedlichen
Deutungsmustern und unterschiedlichen Haltungen, sag ich mal, für die Praxis zu
tun. Und die Frage ist nicht, ob die alle verallgemeinert werden können. Das
halte ich für relativ wenig wahrscheinlich. Aber die Frage ist vielmehr, ob die
zueinander in einem produktiven Verhältnis stehen. Und das reicht schon aus,
wäre eines meiner Kernergebnisse, um eine erfolgreiche Schulentwicklung
prozessieren zu können.
Anna-Luise
Rehm:
(35:29) Danke. Sven, Vielen Dank dir für diese
ganzen Einblicke in deine Arbeit, in die spannenden Ergebnisse und die Impulse,
die du uns hier für den Diskurs mitgibst in Bezug auf Schulentwicklung,
Professionalisierung, inklusive Schulentwicklung. Ja, fand ich total schön.
Sven
Pauling:
(35:48) Ja, dank dir, Anna, dass du das
Interview mit mir führst.
Anna-Luise
Rehm:
(35:50) Sehr gerne.
(35:53) Dieser Podcast wurde am Zentrum für
Inklusionsforschung Berlin produziert. Er wird gefördert von der Hans Böckler
Stiftung
