S 2: #2 Aufklären, Appellieren, Fürsprechen. Behinderungskonstruktionen auch in Zeiten von Inklusion?!

 

Ellen Brodesser im Gespräch mit Stefanie Müller

 

Caroline Junge:

(00:05) Hallo und herzlich Willkommen zum Podcast Inklusionsfragen des Zentrums für Inklusionsforschung Berlin. Ich bin Caroline Junge und gebe den Podcast gemeinsam mit meinen Kolleg*innen Matthias Olk, Ellen Brodesser und Christian Brüggemann heraus. Wir befinden uns in der 2. Staffel des Podcast, in der der Blick auf das Feld der Inklusionsforschung geweitet werden soll und ich freue mich, nun in die 2. Folge der 2. Staffel einleiten zu dürfen. In dieser Folge interviewt Doktorin Ellen Brodesser Doktorin Stefanie Müller zu ihrer Dissertation, in der sie die Aufgaben der Geistigbehindertenpädagogik mit „Aufklären, Appellieren und Fürsprechen“ benennt. Ausgangspunkt der Arbeit sind, die in der Inklusionsforschung und in der Sonderpädagogik diskutierten Verhältnisse von Kategorien als Voraussetzung für spezifisches Wissen und Dekategorisierungen als Anspruch von Inklusion. Stefanie Müller zeigt mithilfe der Diskursanalyse und Grounded Theory, wie sich die Geistigbehindertenpädagogik im Kontext einer Pädagogik der Verbesonderung über einen bestimmten Personenkreis legitimiert. Aufgabe und Anliegen ist es, der Marginalisierung von Menschen mit geistiger Behinderung entgegenzutreten. Wenn Inklusion aber das Ziel ist, müsste sich diese Pädagogik dann nicht selbst abschaffen, um den Weg zu bahnen, die eigenen Ziele zu erreichen? In dieser Folge wird besprochen, welche Aufgaben sich die Geistigbehindertenpädagogik in diesem Spannungsfeld selbst zuschreibt und welche Leerstellen sie dabei nicht beachtet. Außerdem wird gezeigt, inwiefern diskursanalytische Forschungsmethoden geeignet sind, das Themenfeld zu untersuchen und was ich den Doktorin Stefanie Müller für die Zukunft der Inklusionsforschung wünscht.

Ellen Brodesser:

(01:58) Herzlich willkommen zu einer neuen Podcast Folge in der Reihe Inklusionsfragen. Ich heiße Sie herzlich willkommen liebe Zuhörer*innen und ich sage auch hallo zu Doktorin Stefanie Müller, die heute bei uns in der Podcast Folge „Aufklären, Appellieren, Fürsprechen, Behinderungskonstruktion und sonderpädagogische Aufgabenstellung auch in Zeiten von Inklusion“ bei uns hier zu Gast ist. Steffi, könntest du dich als erstes kurz bei uns vorstellen.

Stefanie Müller:

(02:26) Ja gerne, danke für die Einladung in den Podcast. Ich bin Stefanie Müller, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rehabilitationswissenschaften in den Abteilungen Pädagogik bei geistiger Behinderung und Pädagogik bei Beeinträchtigung des Lernens und Allgemein Rehabilitationspädagogik hier an der Humboldt Universität. Ja das sind so die Bereiche in denen ich sowohl lehre als auch forsche und meine Hauptinteressensgebiete sind dabei vor allem kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Behinderung, Othering Prozesse, Subjektivierungen, aber auch Benachteiligungen.

Ellen Brodesser:

(02:58) Danke Steffi. Mein Name ist Ellen Bordesser, ich bin Mitherausgeberin dieses Podcast. Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rehabilitationswissenschaften und auch Kollegin von Steffi, weswegen wir uns duzen. Wir forschen zusammen. Wir haben uns noch nie über ihre Dissertation unterhalten, deswegen bin ich ganz gespannt und vielleicht ist es ganz interessant, dass wir hier gerade in der Grimm Bibliothek sitzen, in Berlin Mitte. Und die Grimm Bibliothek befindet sich genau zwischen dem Institut für Rehabilitationswissenschaften und dem Institut für Erziehungswissenschaften. Und auch das nicht ganz uninteressant für unsere Podcast Folge. Bevor wir aber einsteigen darin, möchte ich dich fragen, wie bist du zur Inklusionsforschung gekommen beziehungsweise wie würdest du dich selbst als Forscherin einordnen?

Stefanie Müller:

(03:51) Ja, ich würde sagen, ich bin so irgendwo dazwischen zwischen Sonderpädagogik und Inklusionsforschung. Ganz ursprünglich habe ich Sonderpädagogik auf Lehramt studiert in Leipzig und das war auch schon so ein ganz klassisches Sonderpädagogikstudium. Und jetzt so durch meine wissenschaftliche Auseinandersetzung, durch die Forschung, die ich mache, auch so durch die Perspektive der Kulturwissenschaften auf Behinderung, sind meine Interessensgebiete schon auch im Bereich dieser Inklusionsforschung angesiedelt. Aber ich würde sagen, ich habe immer noch so ein Bein in jeder Tür und bin so dazwischen.

Ellen Brodesser:

(04:23) Dieses Dazwischen bietet jetzt natürlich die Ausgangslage für meine nächste Frage. Und zwar beginnst du dein Buch, beginnst du die Darstellung deiner Forschung in der Einleitung damit, dass es ein Dilemma gibt, was wir aus der Inklusionsforschung in ihrem Verhältnis zur Sonderpädagogik auch kennen, nämlich dass wir auf der einen Seite die Verbesonderung von bestimmten Personen haben und auf der anderen Seite die Zielperspektive von Inklusion. Könntest du diesen Ausgangspunkt für uns noch mal näher beschreiben?

Stefanie Müller:

(04:53) Ja, dieses Dilemma, das ist eigentlich das, was mich angetrieben hat. Also zum einen haben wir quasi die, also ich habe mich ja mit der Geistigbehindertenpädagogik beschäftigt, also die Geistigbehindertenpädagogik, die sich ja sehr klar auf geistige Behinderung bezieht, aber eben in Zeiten von Inklusion sich da natürlich schon die Frage stellt, sind diese Kategorisierungen überhaupt noch zeitgemäß? Und wie können wir sie aber vielleicht auch, also wie könnte man es denn anders fassen? Also wie kommt man trotzdem dazu, auch Bedarfslagen weiterhin anzuerkennen und dann auch bearbeitbar zu machen? Und das war eigentlich so der Ausgangspunkt davon. Also die Frage danach wie zeitgemäß ist es eigentlich noch? Und welche Aufgaben gibt es dann eigentlich in der Geistigbehindertenpädagogik auch in Zeiten von Inklusion? Also müsste die dann nicht eigentlich aufgehen im Diskurs der Allgemeinen Pädagogik oder noch viel mehr in den Erziehungswissenschaften?

Ellen Brodesser:

(05:45) Diese Faszination für das Thema oder die Herleitung der Fragestellung hast du natürlich in deinem Buch dargestellt. Und was ich interessant fand, war, dass du als erstes, kartografierst ist glaube ich, das Wort. Wie verhält sich eigentlich die Geistigbehindertenpädagogik zur Sonderpädagogik, zur Erziehungswissenschaft? Und du sagst, die Erziehungswissenschaft ist vielleicht so eine Mutterdisziplin, daraus hat sich die Subdisziplin ist die Sonderpädagogik und von der wiederum ist die Geistigbehindertenpädagogik auch eine Subdisziplin. Das heißt, die Geistigbehindertenpädagogik ist die Subsubdisziplin der Erziehungswissenschaft. An welche Diskurse knüpfst du da an und wie kann man die vielleicht auch im Inklusionsforschungsdiskurs einordnen?

Stefanie Müller:

 (06:29) Genau, also das ist ja erstmal so eine sehr wissenschaftstheoretische Verortung, an der ich mich da orientiert habe, zu sagen, die Geistigbehindertenpädagogik wird oft so als Subsubdisziplin der Erziehungswissenschaft dargestellt. Und damit ist man ja dann gleich umgeben von ganz unterschiedlichen Diskursen. Also zum einen so vom Diskurs der Erziehungswissenschaften, die ja auch sehr ausdifferenziert sind als disziplinäres Feld. Man berührt dann natürlich auch die Allgemeine Pädagogik mit Auseinandersetzungen zu Kernen oder zu so ganz zentralen Begriffen, zur Frage nach dem Pädagogischen letztendlich auch. Und dann ist es ja aber auch interessant, dass die Sonderpädagogik, die sich ja dann zum Teil auch so als subsidiäre Pädagogik versteht, dass die sich ja dann auch noch mal ausdifferenziert. Und da hat mich eben schon interessiert, wie viel Anschluss an die übergeordneten Diskurse letztendlich lässt sich da eigentlich noch finden oder entwickelt sich das dann auch alles irgendwie parallel und unabhängig voneinander?

Ellen Brodesser:

(07:28) Und du hast dann auch noch mal geguckt, welche Leerstellen hat die, zum Beispiel Disziplin der Erziehungswissenschaft, wie knüpft die Sonderpädagogik und die Geistigbehindertenpädagogik daran an? Darauf kommen wir gleich. Aber vorher möchte ich dich fragen, du hast ja bestimmten Zugang gewählt, du hast die Diskursanalyse nach Foucault gewählt, um deine Fragestellung zu bearbeiten. Kannst du uns sagen, warum und was so das Kernelement der Methode?

Stefanie Müller:

(07:56) Genau, also ich wusste dann irgendwann, dass ich irgendwie rausarbeiten möchte, was ist so die Aufgabenstellung der Geistigbehindertenpädagogik, auch mit Bezug auf so klassisch pädagogische Aufgabenstellungen, wie zum Beispiel Bildung und Erziehung. Und um da aber ranzukommen, war es ja dann auch klar, man muss da so ein bisschen dahinter schauen. Also man muss wirklich gucken, was findet sich da eigentlich wieder und wie findet sich das vielleicht auch manchmal eher implizit, ohne dass eben immer auf große pädagogische Begriffe irgendwie Bezug genommen wird. Und das wollte ich mir quasi im Gesamten angucken. Ich wollte mir im Gesamten angucken, welche Aufgabe gibt es da eigentlich und wenn die nicht pädagogisch ist, wie ist die dann? Und damit war klar, ich brauche irgendwas, womit ich dahinter steigen kann und womit ich dann eben auch dieses ganze Implizite, was das ja mit, also was da quasi mit drin enthalten ist, wie ich das dann mir anschauen kann. Und zum anderen hat die Diskursanalyse, die ja erstmal davon ausgeht, dass die ganze soziale Welt konstruiert ist und das Ergebnis von Diskursen ist, hat die natürlich auch den Charme, dass die meinen eigenen Standpunkt so ein bisschen aufgelöst hat oder ich meinen eigenen Blick damit auch verfremden konnte auf das, was ich mir anschaue. Ich hatte ja schon gesagt, ich bin eher sehr klassisch sonderpädagogisch ausgebildet, hatte schon ein bisschen auch in dem Feld gearbeitet und geforscht und wusste deshalb auch, dass ich eigene Vorannahmen habe, die vielleicht für mich auch gar nicht immer so sehr explizit sind. Und ich wusste aber, wenn ich mir das anschauen will, dann ist es gut, das verfremden zu können, indem ich da wirklich einen analytischen Zugang wähle, der dahinter schaut, hinter das, was da gesagt wird und meine Vorannahmen damit auch so ein bisschen auflöst. Und deshalb hat sich das aus zwei Gründen dann eigentlich angeboten.

Ellen Brodesser:

(09:35) Und du hast dann die Diskursanalyse nach Foucault ergänzt um die Grounded Theorie. Warum hatte die Diskursanalyse nicht gereicht?

Stefanie Müller:

(09:45) Genau, also die Diskursanalyse bietet ja dann quasi erstmal das ganze Analysevokabular auch und die ganze Ordnung. Also dann tatsächlich zu sagen, okay, mit der Archäologie nach Foucault kann man Aussagen als kleinste Analyseeinheit des Diskurses sich anschauen und kann gucken, welche Voraussetzungen gibt es dafür, dass bestimmte Aussagen im Diskurs dann gehört werden können und dann eben zu Wissen im Diskurs werden. Und mit der genealogischen Perspektive kann man das eben auch noch mal machtanalytisch anschauen. Das heißt, man konnte sich dann auch angucken, welche Rolle spielt denn da zum Beispiel auch die Disziplin oder welche Rolle spielen auch andere benachbarte Disziplinen. Und dann hat man da so einen Werkzeugkoffer, so ein ganzes Instrumentarium. Aber wie genau man vorgeht, das hat Foucault auch nicht gesagt. Und deshalb ist es nötig, da noch was einzuziehen und dann eben ein Vorgehen zu machen, was dann letztendlich auch wissenschaftlich haltbar ist und irgendwie angeleitet ist und strukturiert. Und da bietet sich dann die Grounded einfach an, weil die ja genau das bietet. Also erst mal ganz offen ranzugehen, offen zu kodieren und dann eben in den nachfolgenden Codierschritten das immer weiter zu systematisieren und so habe ich es dann letztendlich auch gemacht. Das ist auch nichts, was ich mir ausgedacht habe, das ist durchaus relativ üblich, nur dass man dann quasi während des axialen Codierens dieses Codierparadigma der Grounded durch eines, das an der Diskurstheorie orientiert ist, ersetzt. Also das heißt, man nutzt dann quasi die Begriffe Foucaults, um ein neues Codierparadigma auszuwählen und dann das, was man im offenen Codieren gefunden hat, daran dann zu ordnen und zu systematisieren.

Ellen Brodesser:

(11:18) Gut, du hast die Aussagen jetzt also geordnet, systematisiert und wie ich gelesen habe, hast du mit Texten angefangen, die 1980 erschienen sind. Ich würde jetzt gerne auf die Ergebnisebene kommen. Was hast du herausgefunden? Was war für dich das Wichtigste? Gab es was, was dich überrascht hat?

Stefanie Müller:

(11:40) Genau, also was ich rausgefunden habe, ist quasi der Titel des Buches und auch der Titel des Podcast heute, nämlich dass die zentrale Aufgabenstellung der Geistigbehindertenpädagogik sich zusammenfassen lässt als Trias aus „Aufklären, Appellieren und Fürsprechen“. Das ist letztendlich das, was die die ganze Zeit machen und was sich deshalb dann auch als Aufgabe herausarbeiten lässt. Und wenn wir quasi einen Schritt dahin zurückgehen und gucken, was sieht man denn auf der Ebene des Diskurses, dann haben sich da zwei zentrale diskursleitende Kategorien rausgebildet. Nämlich einmal die Diskurskategorie der geistigen Behinderung und einmal der Praxis. Und das sind so diese diskurstragenden Elemente, die sich eben immer wieder finden. Und das war dann schon auch spannend. Also mir war schon klar, dass sich die Geistigbehindertenpädagogik auch irgendwie auf einen Personenkreis bezieht, aber wie sie das macht, das war mir nicht klar. Und ich habe dann eben rausgefunden, dass sie das so in Form von einem Kollektivsubjekt macht und dass die eigentlich immer wieder die Charakteristika geistiger Behinderung als so eine subjektivierende Einheit letztendlich darstellen. Und das zentrale Charakteristikum ist Marginalisierung. Also das heißt, es geht da auch um gar keine pädagogische Kategorie oder so, sondern es geht erstmal darum zu sagen, hier gibt es eine Personengruppe, die ist von Ausschluss bedroht auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Die wird auch immer wieder ausgeschlossen und darüber klären wir auf und dann appellieren wir daran, dass das anders werden muss und dass man das anders machen muss. Und wir sind dann da aber quasi auch in der Fürsprache, also wir setzen uns quasi für die ein. Das ist so eine Art Mandat letztendlich, was ich da rausgearbeitet habe.

Ellen Brodesser:

(13:16) Und dann ist es aber so, wenn ich dich richtig verstanden habe, dass es nicht nur dieses Kollektivsubjekt, also diese, wenn man so will, auch ein Stück weit Verbesonderung und Vereinheitlichung gibt für diese Personengruppe, sondern es gibt noch ein anderes Kollektivsubjekt. Und zwar ist das das Kollektivsubjekt der Handlungspraxis, der Praxis. Und die wird sozusagen adressiert von der Disziplin. Und sie sagen dann, ihr macht das aber falsch. Ihr wirkt dieser Marginalisierung des an den Rand drängen, des nicht Sehens, nicht zu den Rechten verhelfen, ihr wirkt damit. Und kannst du mal sagen, was das eigentlich macht mit diesem Verhältnis von Disziplin und Profession? Ist es nicht anmaßend, dass die Disziplin sagt, ihr macht das aber falsch.

Stefanie Müller:

(14:03) Genau, also wenn man sich das so anschaut, dann zeigt das vor allem, wenn wir so in diesen Analysekategorien erstmal bleiben, auf der Diskursebene zeigt das ja vor allem, dass da so eine ganz krasse Machtstellung eigentlich eingenommen wird und auch so eine Deutungshoheit irgendwie von Seiten der Disziplin beansprucht wird, die sich dann eben auf die Profession überträgt. Und letztendlich kann man das dann aber auch sehen als so ein stabilisierender Faktor. Also man hält sich natürlich auch wichtig, wenn man weiterhin immer wieder auch anleiten kann, wie die Anderen das mal machen sollten. Und letztendlich spielt es aber ja auch, also da zahlt es auch auf dieses Konto ein, zu sagen, das ist ein Personenkreis, der von Marginalisierung bedroht ist. Das funktioniert ja auch nur, wenn ich das dann auch eben immer wieder, wenn ich es auch immer wieder sage.

Ellen Brodesser:

(14:45) Also die Disziplin weiß eigentlich Bescheid und die Profession nicht so richtig?

Stefanie Müller:

(14:51) Und leitet die Profession an, so könnte man sagen, ja.

 

Ellen Brodesser:

(14:54) Und würdest du sagen, ich habe ja vorhin von Leerstellen gesprochen, also würdest du sagen, eine Leerstelle in diesem Diskurs, in dieser Ordnung der Aussagen ist, dass die Geistigbehindertenpädagogik sich nicht selbst genug reflektiert?

Stefanie Müller:

(15:08) Na ich würde sagen, die Leerstelle ist, dass sie nicht gut darauf schaut, wie sie selber zur Konstruktion geistiger Behinderung beiträgt, indem sie eben immer wieder diese Marginalisierung stark macht, da dieses Kollektivsubjekt erschafft. Dadurch produziert sie das ja mit. Also man würde ja schon davon ausgehen, dass das quasi nicht naturwüchsig da ist. Und gleichzeitig macht das natürlich die Geistigbehindertenpädagogik nicht allein. Die ist eingebettet in gesellschaftliche Diskurse, die ist ja letztendlich auch eingebettet in den erziehungswissenschaftlichen Diskurs, dem man natürlich auch unterstellen kann, von so einem Normalsubjekt irgendwie auszugehen, das tatsächlich auch bestimmte Bedarfslagen konsequent ausklammert und sich mit denen auch nicht beschäftigt. Also da ist so diese Idee von Subsidiarität, die kann man da schon auch noch mal ins Feld führen.

Ellen Brodesser:

(15:55) Was wiederum für die Inklusionsforschung ja sehr interessant ist. Also die Leerstelle der Erziehungswissenschaft oder Erziehungswissenschaften, wenn man so will, ist, dass sie eben davon ausgeht, dass es so was wie den Normalzustand gibt, was immer das sein soll. Und die Geistigbehindertenpädagogik sagt, wir springen da rein, wir machen uns stark als Anwältinnen für eine ganz bestimmte Personengruppe. Und was würdest du sagen, was müsste man da noch erforschen?

Stefanie Müller:

(16:24) Naja, eigentlich ist es ja ganz spannend, sich anzugucken, wie sie da beide eine Leerstelle, die irgendwie ähnlich ist, produzieren. Also die Allgemeine Erziehungswissenschaft produziert eben diese Leerstelle mit diesem Normalitätssubjekt, das sie sich ja auch nicht anguckt, also das ja auch eher implizit dann da ist. Die Geistigbehindertenpädagogik springt da rein und schaut sich dann nicht an, was die damit eigentlich dann wiederum hervorbringen. Und damit ist ja die Geistigbehindertenpädagogik nicht alleine. Wir hatten gerade schon gesagt, es gibt ganz viele bereichsspezifische Sonderpädagogiken. Und ich finde, das könnte man sich erst mal anschauen, zu gucken, wie bringen da eigentlich alle noch was mit hervor und füllt das die tatsächliche Leerstelle, die da gebildet wird in der Allgemeinen Erziehungswissenschaft? Das würde ich sagen, ist auf jeden Fall ein Thema, das man sich noch mal angucken könnte, wie das auch voneinander abhängt und was da auch tatsächlich nicht bearbeitet wird und was nur gesagt wird, was nicht bearbeitet wird.

Ellen Brodesser:

(17:16) Und würdest du vermuten, dass die anderen Subsubdisziplin, ich möchte sie so nennen, wir haben ja nicht nur die Geistigbehindertenpädagogik, sondern du hast gesagt, du arbeitest ja auch noch in der Abteilung Beeinträchtigung des Lernens, wo ich ja auch arbeite und es gibt viele mehr ganz verschiedene Förderschwerpunkte jetzt für das System Schule. Würdest du sagen, vermutest du ähnliche Diskurse oder würdest du sozusagen beim ersten darüber Nachdenken sagen, wahrscheinlich gibt es da interessante Unterschiede?

Stefanie Müller:

(17:45) Ich glaube schon, dass es Unterschiede gibt, die sich wahrscheinlich vor allem darauf beziehen, wie nah am Inklusionsdiskurs die jeweiligen Diskurse dann doch auch schon sind. Und gleichzeitig würde ich erstmal trotzdem allen unterstellen, weil die ja sich alle auch so nach Personenkreisen und Behinderungsarten differenzieren, dass die alle eine Art von Kollektivsubjekt hervorbringen, dass sie schlecht, also dass sie sich schlecht angucken, also wo sie quasi gar nicht so einen Blick dafür haben, dass sie das tun und wie sie da auch zu einem gewissen Erhalt beitragen.

Ellen Brodesser:

(18:20) Ich sehe, es gibt viele interessante Forschungsanschlüsse und da komme ich zu meiner Frage: Was würdest du Forscher*innen, die vielleicht überlegen, in dem Bereich auch eine Diskursanalyse anzufertigen, vielleicht Qualifizierungsarbeiten zu schreiben, was würdest du Forscher*innen raten?

Stefanie Müller:

(18:35) Also erstmal würde ich auf jeden Fall zur Diskursanalyse raten.

Ellen Brodesser:

(18:39) Überraschend.

Stefanie Müller:

(18:40) Ja, das finde ich wirklich gut. Also tatsächlich auch um den eigenen Blick zu verstellen und das wäre dann vielleicht auch schon so der zweite Rat. Also, ja tatsächlich auch den Mut zu haben, da mal so hinter zu schauen, hinter die bestehenden Strukturen sich anzugucken, was geht da eigentlich vor sich und das aber auch auf so einer analytischen Ebene zu machen, weil ich glaube, das ist ein ganz zentraler Schritt, um genau diese Dilemmata, über die wir ganz zu Anfang gesprochen haben, überhaupt auch erstmal sichtbar und bearbeitbar zu machen.

Ellen Brodesser:

(19:06) Spannend. Die Anschlussforschenden laden wir dann auch sehr gerne hier in den Podcast ein. Ich komme zu meiner letzten Frage Steffi: Du als Forscherin, als quasi Inklusionsforscherin, gibt es was, was du dir wünschst für die Zukunft? Würdest du sagen, darin siehst du die Zukunft der Inklusionsforschung?

Stefanie Müller:

(19:27) Ich würde mir da, glaube ich, also wenn ich es mir ganz frei wünschen darf, schon auch wünschen, dass von ganz unterschiedlichen Seiten Inklusionsforschung, Sonderpädagogik, Disability Studies da auch Annäherungen stattfinden, Kommunikation stattfindet, die genau diese Leerstellen, über die wir jetzt so viel gesprochen haben, aus unterschiedlichen Perspektiven bearbeitbar machen, und ohne da vielleicht auch immer gleich so ganz viel normative Aufladung mit reinzubringen oder dem Anderen zu unterstellen, dass er einen abschaffen will oder so, sondern tatsächlich um aus den unterschiedlichen Perspektiven möglichst viel rauszuholen in der Kooperation. Und ich würde mir vor allem auch wünschen, dass das möglich bleibt, also dass weiterhin quasi genug Geld da ist, um überhaupt so eine Art von Forschung machen zu können, um auch Grundlagen und Theorieforschung zu machen. Das würde ich mir beides wünschen.

Ellen Brodesser:

(20:17) Danke, liebe Steffi, für diesen Einblick in deine Forschung, in deine Methode, in deine Vorüberlegungen. Ich freue mich sehr, dass du heute da warst. Ich wünsche dir viel Erfolg für deine weiteren Forschungen und verabschiede mich. Tschüss, Steffi.

Stefanie Müller:

(20:32) Tschüss. Und nochmal vielen Dank für die Einladung. Es hat mir großen Spaß gemacht.