(00:05)
Hallo und herzlich Willkommen zum Podcast Inklusionsfragen des Zentrums für
Inklusionsforschung Berlin. Ich bin Caroline Junge und gebe den Podcast
gemeinsam mit meinen Kolleg*innen Matthias Olk, Ellen Brodesser
und Christian Brüggemann heraus. Wir befinden uns in der 2. Staffel des Podcast,
in der der Blick auf das Feld der Inklusionsforschung geweitet werden soll und
ich freue mich, nun in die 2. Folge der 2. Staffel einleiten zu dürfen. In
dieser Folge interviewt Doktorin Ellen Brodesser Doktorin Stefanie Müller zu
ihrer Dissertation, in der sie die Aufgaben der Geistigbehindertenpädagogik mit
„Aufklären, Appellieren und Fürsprechen“ benennt. Ausgangspunkt der Arbeit
sind, die in der Inklusionsforschung und in der Sonderpädagogik diskutierten
Verhältnisse von Kategorien als Voraussetzung für spezifisches Wissen und Dekategorisierungen
als Anspruch von Inklusion. Stefanie Müller zeigt mithilfe der Diskursanalyse
und Grounded Theory, wie sich die Geistigbehindertenpädagogik
im Kontext einer Pädagogik der Verbesonderung über
einen bestimmten Personenkreis legitimiert. Aufgabe und Anliegen ist es, der
Marginalisierung von Menschen mit geistiger Behinderung entgegenzutreten. Wenn
Inklusion aber das Ziel ist, müsste sich diese Pädagogik dann nicht selbst
abschaffen, um den Weg zu bahnen, die eigenen Ziele zu erreichen? In dieser
Folge wird besprochen, welche Aufgaben sich die Geistigbehindertenpädagogik in
diesem Spannungsfeld selbst zuschreibt und welche Leerstellen sie dabei nicht
beachtet. Außerdem wird gezeigt, inwiefern diskursanalytische
Forschungsmethoden geeignet sind, das Themenfeld zu untersuchen und was ich den
Doktorin Stefanie Müller für die Zukunft der Inklusionsforschung wünscht.
(01:58)
Herzlich willkommen zu einer neuen Podcast Folge in der Reihe Inklusionsfragen.
Ich heiße Sie herzlich willkommen liebe Zuhörer*innen und ich sage auch hallo
zu Doktorin Stefanie Müller, die heute bei uns in der Podcast Folge „Aufklären,
Appellieren, Fürsprechen, Behinderungskonstruktion und sonderpädagogische
Aufgabenstellung auch in Zeiten von Inklusion“ bei uns hier zu Gast ist.
Steffi, könntest du dich als erstes kurz bei uns vorstellen.
(02:26)
Ja gerne, danke für die Einladung in den Podcast. Ich bin Stefanie Müller,
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rehabilitationswissenschaften
in den Abteilungen Pädagogik bei geistiger Behinderung und Pädagogik bei
Beeinträchtigung des Lernens und Allgemein Rehabilitationspädagogik hier an der
Humboldt Universität. Ja das sind so die Bereiche in denen ich sowohl lehre als auch forsche und meine Hauptinteressensgebiete
sind dabei vor allem kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Behinderung,
Othering Prozesse, Subjektivierungen, aber auch Benachteiligungen.
Ellen
Brodesser:
(02:58)
Danke Steffi. Mein Name ist Ellen Bordesser, ich bin Mitherausgeberin dieses
Podcast. Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für
Rehabilitationswissenschaften und auch Kollegin von Steffi, weswegen wir uns
duzen. Wir forschen zusammen. Wir haben uns noch nie über ihre Dissertation
unterhalten, deswegen bin ich ganz gespannt und vielleicht ist es ganz
interessant, dass wir hier gerade in der Grimm Bibliothek sitzen, in Berlin
Mitte. Und die Grimm Bibliothek befindet sich genau zwischen dem Institut für
Rehabilitationswissenschaften und dem Institut für Erziehungswissenschaften.
Und auch das nicht ganz uninteressant für unsere Podcast Folge. Bevor wir aber
einsteigen darin, möchte ich dich fragen, wie bist du zur Inklusionsforschung
gekommen beziehungsweise wie würdest du dich selbst als Forscherin einordnen?
Stefanie
Müller:
(03:51)
Ja, ich würde sagen, ich bin so irgendwo dazwischen zwischen Sonderpädagogik
und Inklusionsforschung. Ganz ursprünglich habe ich Sonderpädagogik auf Lehramt
studiert in Leipzig und das war auch schon so ein ganz klassisches
Sonderpädagogikstudium. Und jetzt so durch meine wissenschaftliche
Auseinandersetzung, durch die Forschung, die ich mache, auch so durch die
Perspektive der Kulturwissenschaften auf Behinderung, sind meine
Interessensgebiete schon auch im Bereich dieser Inklusionsforschung
angesiedelt. Aber ich würde sagen, ich habe immer noch so ein Bein in jeder Tür
und bin so dazwischen.
Ellen
Brodesser:
(04:23)
Dieses Dazwischen bietet jetzt natürlich die Ausgangslage für meine nächste
Frage. Und zwar beginnst du dein Buch, beginnst du die Darstellung deiner
Forschung in der Einleitung damit, dass es ein Dilemma gibt, was wir aus der
Inklusionsforschung in ihrem Verhältnis zur Sonderpädagogik auch kennen, nämlich
dass wir auf der einen Seite die Verbesonderung von
bestimmten Personen haben und auf der anderen Seite die Zielperspektive von
Inklusion. Könntest du diesen Ausgangspunkt für uns noch mal näher beschreiben?
(04:53)
Ja, dieses Dilemma, das ist eigentlich das, was mich angetrieben hat. Also zum
einen haben wir quasi die, also ich habe mich ja mit der Geistigbehindertenpädagogik
beschäftigt, also die Geistigbehindertenpädagogik, die sich ja sehr klar auf
geistige Behinderung bezieht, aber eben in Zeiten von Inklusion sich da
natürlich schon die Frage stellt, sind diese Kategorisierungen überhaupt noch
zeitgemäß? Und wie können wir sie aber vielleicht auch, also wie könnte man es
denn anders fassen? Also wie kommt man trotzdem dazu, auch Bedarfslagen
weiterhin anzuerkennen und dann auch bearbeitbar zu machen? Und das war
eigentlich so der Ausgangspunkt davon. Also die Frage danach wie zeitgemäß ist
es eigentlich noch? Und welche Aufgaben gibt es dann eigentlich in der Geistigbehindertenpädagogik
auch in Zeiten von Inklusion? Also müsste die dann nicht eigentlich aufgehen im
Diskurs der Allgemeinen Pädagogik oder noch viel mehr in den
Erziehungswissenschaften?
(05:45)
Diese Faszination für das Thema oder die Herleitung der Fragestellung hast du
natürlich in deinem Buch dargestellt. Und was ich interessant fand, war, dass
du als erstes, kartografierst ist glaube ich, das Wort. Wie verhält sich
eigentlich die Geistigbehindertenpädagogik zur Sonderpädagogik, zur
Erziehungswissenschaft? Und du sagst, die Erziehungswissenschaft ist vielleicht
so eine Mutterdisziplin, daraus hat sich die Subdisziplin ist die
Sonderpädagogik und von der wiederum ist die Geistigbehindertenpädagogik auch
eine Subdisziplin. Das heißt, die Geistigbehindertenpädagogik ist die Subsubdisziplin
der Erziehungswissenschaft. An welche Diskurse knüpfst du da an und wie kann
man die vielleicht auch im Inklusionsforschungsdiskurs einordnen?
(06:29) Genau, also das ist ja erstmal so eine
sehr wissenschaftstheoretische Verortung, an der ich mich da orientiert habe,
zu sagen, die Geistigbehindertenpädagogik wird oft so als Subsubdisziplin der
Erziehungswissenschaft dargestellt. Und damit ist man ja dann gleich umgeben
von ganz unterschiedlichen Diskursen. Also zum einen so vom Diskurs der
Erziehungswissenschaften, die ja auch sehr ausdifferenziert sind als
disziplinäres Feld. Man berührt dann natürlich auch die Allgemeine Pädagogik
mit Auseinandersetzungen zu Kernen oder zu so ganz zentralen Begriffen, zur
Frage nach dem Pädagogischen letztendlich auch. Und dann ist es ja aber auch
interessant, dass die Sonderpädagogik, die sich ja dann zum Teil auch so als
subsidiäre Pädagogik versteht, dass die sich ja dann auch noch mal ausdifferenziert.
Und da hat mich eben schon interessiert, wie viel Anschluss an die
übergeordneten Diskurse letztendlich lässt sich da eigentlich noch finden oder
entwickelt sich das dann auch alles irgendwie parallel und unabhängig
voneinander?
(07:28)
Und du hast dann auch noch mal geguckt, welche Leerstellen hat die, zum
Beispiel Disziplin der Erziehungswissenschaft, wie knüpft die Sonderpädagogik
und die Geistigbehindertenpädagogik daran an? Darauf kommen wir gleich. Aber
vorher möchte ich dich fragen, du hast ja bestimmten Zugang gewählt, du hast
die Diskursanalyse nach Foucault gewählt, um deine Fragestellung zu bearbeiten.
Kannst du uns sagen, warum und was so das Kernelement der Methode?
(07:56)
Genau, also ich wusste dann irgendwann, dass ich irgendwie rausarbeiten möchte,
was ist so die Aufgabenstellung der Geistigbehindertenpädagogik, auch mit Bezug
auf so klassisch pädagogische Aufgabenstellungen, wie zum Beispiel Bildung und
Erziehung. Und um da aber ranzukommen, war es ja dann auch klar, man muss da so
ein bisschen dahinter schauen. Also man muss wirklich gucken, was findet sich
da eigentlich wieder und wie findet sich das vielleicht auch manchmal eher
implizit, ohne dass eben immer auf große pädagogische Begriffe irgendwie Bezug
genommen wird. Und das wollte ich mir quasi im Gesamten angucken. Ich wollte
mir im Gesamten angucken, welche Aufgabe gibt es da eigentlich und wenn die
nicht pädagogisch ist, wie ist die dann? Und damit war klar, ich brauche
irgendwas, womit ich dahinter steigen kann und womit ich dann eben auch dieses
ganze Implizite, was das ja mit, also was da quasi mit drin enthalten ist, wie
ich das dann mir anschauen kann. Und zum anderen hat die Diskursanalyse, die ja
erstmal davon ausgeht, dass die ganze soziale Welt konstruiert ist und das
Ergebnis von Diskursen ist, hat die natürlich auch den Charme, dass die meinen
eigenen Standpunkt so ein bisschen aufgelöst hat oder ich meinen eigenen Blick
damit auch verfremden konnte auf das, was ich mir anschaue. Ich hatte ja schon
gesagt, ich bin eher sehr klassisch sonderpädagogisch ausgebildet, hatte schon
ein bisschen auch in dem Feld gearbeitet und geforscht und wusste deshalb auch,
dass ich eigene Vorannahmen habe, die vielleicht für mich auch gar nicht immer
so sehr explizit sind. Und ich wusste aber, wenn ich mir das anschauen will,
dann ist es gut, das verfremden zu können, indem ich da wirklich einen
analytischen Zugang wähle, der dahinter schaut, hinter das, was da gesagt wird und
meine Vorannahmen damit auch so ein bisschen auflöst. Und deshalb hat sich das
aus zwei Gründen dann eigentlich angeboten.
(09:35)
Und du hast dann die Diskursanalyse nach Foucault ergänzt um die Grounded Theorie. Warum hatte die Diskursanalyse nicht
gereicht?
(09:45)
Genau, also die Diskursanalyse bietet ja dann quasi erstmal das ganze
Analysevokabular auch und die ganze Ordnung. Also dann tatsächlich zu sagen,
okay, mit der Archäologie nach Foucault kann man Aussagen als kleinste
Analyseeinheit des Diskurses sich anschauen und kann gucken, welche
Voraussetzungen gibt es dafür, dass bestimmte Aussagen im Diskurs dann gehört
werden können und dann eben zu Wissen im Diskurs werden. Und mit der
genealogischen Perspektive kann man das eben auch noch mal machtanalytisch
anschauen. Das heißt, man konnte sich dann auch angucken, welche Rolle spielt
denn da zum Beispiel auch die Disziplin oder welche Rolle spielen auch andere
benachbarte Disziplinen. Und dann hat man da so einen Werkzeugkoffer, so ein
ganzes Instrumentarium. Aber wie genau man vorgeht, das hat Foucault auch nicht
gesagt. Und deshalb ist es nötig, da noch was einzuziehen und dann eben ein
Vorgehen zu machen, was dann letztendlich auch wissenschaftlich haltbar ist und
irgendwie angeleitet ist und strukturiert. Und da bietet sich dann die Grounded einfach an, weil die ja genau das bietet. Also
erst mal ganz offen ranzugehen, offen zu kodieren und dann eben in den
nachfolgenden Codierschritten das immer weiter zu
systematisieren und so habe ich es dann letztendlich auch gemacht. Das ist auch
nichts, was ich mir ausgedacht habe, das ist durchaus relativ üblich, nur dass
man dann quasi während des axialen Codierens dieses Codierparadigma
der Grounded durch eines, das an der Diskurstheorie
orientiert ist, ersetzt. Also das heißt, man nutzt dann quasi die Begriffe
Foucaults, um ein neues Codierparadigma auszuwählen
und dann das, was man im offenen Codieren gefunden hat, daran dann zu ordnen
und zu systematisieren.
(11:18)
Gut, du hast die Aussagen jetzt also geordnet, systematisiert und wie ich
gelesen habe, hast du mit Texten angefangen, die 1980 erschienen sind. Ich würde
jetzt gerne auf die Ergebnisebene kommen. Was hast du herausgefunden? Was war
für dich das Wichtigste? Gab es was, was dich überrascht hat?
(11:40)
Genau, also was ich rausgefunden habe, ist quasi der
Titel des Buches und auch der Titel des Podcast heute, nämlich dass die
zentrale Aufgabenstellung der Geistigbehindertenpädagogik sich zusammenfassen
lässt als Trias aus „Aufklären, Appellieren und Fürsprechen“. Das ist
letztendlich das, was die die ganze Zeit machen und was sich deshalb dann auch
als Aufgabe herausarbeiten lässt. Und wenn wir quasi einen Schritt dahin
zurückgehen und gucken, was sieht man denn auf der Ebene des Diskurses, dann
haben sich da zwei zentrale diskursleitende Kategorien rausgebildet. Nämlich
einmal die Diskurskategorie der geistigen Behinderung und einmal der Praxis.
Und das sind so diese diskurstragenden Elemente, die sich eben immer wieder
finden. Und das war dann schon auch spannend. Also mir war schon klar, dass
sich die Geistigbehindertenpädagogik auch irgendwie auf einen Personenkreis
bezieht, aber wie sie das macht, das war mir nicht klar. Und ich habe dann eben
rausgefunden, dass sie das so in Form von einem Kollektivsubjekt macht und dass
die eigentlich immer wieder die Charakteristika geistiger Behinderung als so
eine subjektivierende Einheit letztendlich darstellen. Und das zentrale
Charakteristikum ist Marginalisierung. Also das heißt, es geht da auch um gar
keine pädagogische Kategorie oder so, sondern es geht erstmal darum zu sagen,
hier gibt es eine Personengruppe, die ist von Ausschluss bedroht auf ganz
unterschiedlichen Ebenen. Die wird auch immer wieder ausgeschlossen und darüber
klären wir auf und dann appellieren wir daran, dass das anders werden muss und
dass man das anders machen muss. Und wir sind dann da aber quasi auch in der
Fürsprache, also wir setzen uns quasi für die ein. Das ist so eine Art Mandat
letztendlich, was ich da rausgearbeitet habe.
(13:16)
Und dann ist es aber so, wenn ich dich richtig verstanden habe, dass es nicht
nur dieses Kollektivsubjekt, also diese, wenn man so will, auch ein Stück weit Verbesonderung und Vereinheitlichung gibt für diese
Personengruppe, sondern es gibt noch ein anderes Kollektivsubjekt. Und zwar ist
das das Kollektivsubjekt der Handlungspraxis, der Praxis. Und die wird
sozusagen adressiert von der Disziplin. Und sie sagen dann, ihr macht das aber
falsch. Ihr wirkt dieser Marginalisierung des an den Rand drängen, des nicht
Sehens, nicht zu den Rechten verhelfen, ihr wirkt damit. Und kannst du mal
sagen, was das eigentlich macht mit diesem Verhältnis von Disziplin und
Profession? Ist es nicht anmaßend, dass die Disziplin sagt, ihr macht das aber
falsch.
(14:03)
Genau, also wenn man sich das so anschaut, dann zeigt das vor allem, wenn wir
so in diesen Analysekategorien erstmal bleiben, auf der Diskursebene zeigt das
ja vor allem, dass da so eine ganz krasse Machtstellung eigentlich eingenommen
wird und auch so eine Deutungshoheit irgendwie von Seiten der Disziplin
beansprucht wird, die sich dann eben auf die Profession überträgt. Und
letztendlich kann man das dann aber auch sehen als so ein stabilisierender
Faktor. Also man hält sich natürlich auch wichtig, wenn man weiterhin immer
wieder auch anleiten kann, wie die Anderen das mal machen sollten. Und
letztendlich spielt es aber ja auch, also da zahlt es auch auf dieses Konto
ein, zu sagen, das ist ein Personenkreis, der von Marginalisierung bedroht ist.
Das funktioniert ja auch nur, wenn ich das dann auch eben immer wieder, wenn
ich es auch immer wieder sage.
(14:45)
Also die Disziplin weiß eigentlich Bescheid und die Profession nicht so
richtig?
Stefanie Müller:
(14:51)
Und leitet die Profession an, so könnte man sagen, ja.
Ellen Brodesser:
(14:54)
Und würdest du sagen, ich habe ja vorhin von Leerstellen gesprochen, also
würdest du sagen, eine Leerstelle in diesem Diskurs, in dieser Ordnung der
Aussagen ist, dass die Geistigbehindertenpädagogik sich nicht selbst genug
reflektiert?
Stefanie Müller:
(15:08)
Na ich würde sagen, die Leerstelle ist, dass sie nicht gut darauf schaut, wie
sie selber zur Konstruktion geistiger Behinderung beiträgt, indem sie eben
immer wieder diese Marginalisierung stark macht, da dieses Kollektivsubjekt
erschafft. Dadurch produziert sie das ja mit. Also man würde ja schon davon
ausgehen, dass das quasi nicht naturwüchsig da ist. Und gleichzeitig macht das
natürlich die Geistigbehindertenpädagogik nicht allein. Die ist eingebettet in
gesellschaftliche Diskurse, die ist ja letztendlich auch eingebettet in den
erziehungswissenschaftlichen Diskurs, dem man natürlich auch unterstellen kann,
von so einem Normalsubjekt irgendwie auszugehen, das tatsächlich auch bestimmte
Bedarfslagen konsequent ausklammert und sich mit denen auch nicht beschäftigt.
Also da ist so diese Idee von Subsidiarität, die kann man da schon auch noch
mal ins Feld führen.
Ellen Brodesser:
(15:55)
Was wiederum für die Inklusionsforschung ja sehr interessant ist. Also die
Leerstelle der Erziehungswissenschaft oder Erziehungswissenschaften, wenn man
so will, ist, dass sie eben davon ausgeht, dass es so was wie den Normalzustand
gibt, was immer das sein soll. Und die Geistigbehindertenpädagogik sagt, wir
springen da rein, wir machen uns stark als Anwältinnen für eine ganz bestimmte
Personengruppe. Und was würdest du sagen, was müsste man da noch erforschen?
Stefanie Müller:
(16:24)
Naja, eigentlich ist es ja ganz spannend, sich anzugucken, wie sie da beide
eine Leerstelle, die irgendwie ähnlich ist, produzieren. Also die Allgemeine
Erziehungswissenschaft produziert eben diese Leerstelle mit diesem
Normalitätssubjekt, das sie sich ja auch nicht anguckt, also das ja auch eher
implizit dann da ist. Die Geistigbehindertenpädagogik springt da rein und
schaut sich dann nicht an, was die damit eigentlich dann wiederum
hervorbringen. Und damit ist ja die Geistigbehindertenpädagogik nicht alleine.
Wir hatten gerade schon gesagt, es gibt ganz viele bereichsspezifische Sonderpädagogiken. Und ich finde, das könnte man sich erst
mal anschauen, zu gucken, wie bringen da eigentlich alle noch was mit hervor
und füllt das die tatsächliche Leerstelle, die da gebildet wird in der
Allgemeinen Erziehungswissenschaft? Das würde ich sagen, ist auf jeden Fall ein
Thema, das man sich noch mal angucken könnte, wie das auch voneinander abhängt
und was da auch tatsächlich nicht bearbeitet wird und was nur gesagt wird, was
nicht bearbeitet wird.
Ellen Brodesser:
(17:16)
Und würdest du vermuten, dass die anderen Subsubdisziplin, ich möchte sie so
nennen, wir haben ja nicht nur die Geistigbehindertenpädagogik, sondern du hast
gesagt, du arbeitest ja auch noch in der Abteilung Beeinträchtigung des
Lernens, wo ich ja auch arbeite und es gibt viele mehr ganz verschiedene
Förderschwerpunkte jetzt für das System Schule. Würdest du sagen, vermutest du
ähnliche Diskurse oder würdest du sozusagen beim ersten darüber Nachdenken sagen, wahrscheinlich gibt es da interessante
Unterschiede?
Stefanie Müller:
(17:45)
Ich glaube schon, dass es Unterschiede gibt, die sich wahrscheinlich vor allem
darauf beziehen, wie nah am Inklusionsdiskurs die jeweiligen Diskurse dann doch
auch schon sind. Und gleichzeitig würde ich erstmal trotzdem allen
unterstellen, weil die ja sich alle auch so nach Personenkreisen und
Behinderungsarten differenzieren, dass die alle eine Art von Kollektivsubjekt
hervorbringen, dass sie schlecht, also dass sie sich schlecht angucken, also wo
sie quasi gar nicht so einen Blick dafür haben, dass sie das tun und wie sie da
auch zu einem gewissen Erhalt beitragen.
Ellen Brodesser:
(18:20)
Ich sehe, es gibt viele interessante Forschungsanschlüsse und da komme ich zu
meiner Frage: Was würdest du Forscher*innen, die vielleicht überlegen, in dem
Bereich auch eine Diskursanalyse anzufertigen, vielleicht
Qualifizierungsarbeiten zu schreiben, was würdest du Forscher*innen raten?
Stefanie Müller:
(18:35)
Also erstmal würde ich auf jeden Fall zur Diskursanalyse raten.
Ellen Brodesser:
(18:39)
Überraschend.
Stefanie Müller:
(18:40)
Ja, das finde ich wirklich gut. Also tatsächlich auch um den eigenen Blick zu
verstellen und das wäre dann vielleicht auch schon so der zweite Rat. Also, ja
tatsächlich auch den Mut zu haben, da mal so hinter zu schauen, hinter die
bestehenden Strukturen sich anzugucken, was geht da eigentlich vor sich und das
aber auch auf so einer analytischen Ebene zu machen, weil ich glaube, das ist
ein ganz zentraler Schritt, um genau diese Dilemmata, über die wir ganz zu
Anfang gesprochen haben, überhaupt auch erstmal sichtbar und bearbeitbar zu
machen.
Ellen Brodesser:
(19:06)
Spannend. Die Anschlussforschenden laden wir dann auch sehr gerne hier in den
Podcast ein. Ich komme zu meiner letzten Frage Steffi: Du als Forscherin, als
quasi Inklusionsforscherin, gibt es was, was du dir wünschst für die Zukunft?
Würdest du sagen, darin siehst du die Zukunft der Inklusionsforschung?
Stefanie Müller:
(19:27)
Ich würde mir da, glaube ich, also wenn ich es mir ganz frei wünschen darf,
schon auch wünschen, dass von ganz unterschiedlichen Seiten
Inklusionsforschung, Sonderpädagogik, Disability Studies da auch Annäherungen
stattfinden, Kommunikation stattfindet, die genau diese Leerstellen, über die
wir jetzt so viel gesprochen haben, aus unterschiedlichen Perspektiven
bearbeitbar machen, und ohne da vielleicht auch immer gleich so ganz viel
normative Aufladung mit reinzubringen oder dem Anderen zu unterstellen, dass er
einen abschaffen will oder so, sondern tatsächlich um aus den unterschiedlichen
Perspektiven möglichst viel rauszuholen in der Kooperation. Und ich würde mir
vor allem auch wünschen, dass das möglich bleibt, also dass weiterhin quasi
genug Geld da ist, um überhaupt so eine Art von Forschung machen zu können, um
auch Grundlagen und Theorieforschung zu machen. Das würde ich mir beides
wünschen.
Ellen Brodesser:
(20:17)
Danke, liebe Steffi, für diesen Einblick in deine Forschung, in deine Methode,
in deine Vorüberlegungen. Ich freue mich sehr, dass du heute da warst. Ich
wünsche dir viel Erfolg für deine weiteren Forschungen und verabschiede mich.
Tschüss, Steffi.
Stefanie Müller:
(20:32) Tschüss. Und nochmal
vielen Dank für die Einladung. Es hat mir großen Spaß gemacht.